Klapse, Irrenhaus oder Anstalt?

Leider ist das Wort Psychiatrie immer noch sehr negativ behaftet. Im gemeinen Volk sitzt immer noch ein Bild, dass etwas überspitzt so aussieht: Gekachelte endlose Gänge, die von flackerndem Licht schwach beleuchtet werden und Leute die mit aufgerissenen Augen in der Ecke sitzen und wippend etwas Unverständliches vor sich hin murmeln. Oder abgemagerte Patienten, die schreiend mit ihren blutenden Fingern 666 in den Verputz ritzen. 

Die Zeiten von Exorzismus, Zwangsjacken und Dauersedierung sind vorbei. Ohne die früheren Zustände der Psychiatrie beschönigen zu wollen, kann ich jedem versichern, dass es heute anders läuft. Dies ist nun mein dritter Aufenthalt in einer Psychiatrie. Hier eine kleine Chronologie:

  • 2016, St. Urban, eine Woche
  • 2017, Klinik Zugersee, Oberwil bei Zug, ein Monat, mit Unterbrüchen
  • 2017, Psychiatriezentrum Münsingen, bis jetzt 3 Monate

Sich einliefern lassen, wie man so schön sagt, ist nichts schlimmes, sondern zeugt von Stärke. Und statistisch gesehen wird jeder zweite Schweizer oder Schweizerin einmal im Leben die Hilfe einer Klinik in Anspruch nehmen müssen. Mittlerweile sind die Kliniken sehr um Öffentlichkeitsarbeit bemüht und es wird "nach aussen" gearbeitet. Man will das alte Image loswerden.

Doch was mich sehr belastet hat, ist die Stigmatisierung, die einem widerfährt, wenn man die Dienste einer solchen Institution in Anspruch nimmt. Aus einem kleinen Dorf, wie ich komme, ist eine Zwangseinlieferung mit Polizei und Ambulanz, wie das bei mir immer der Fall war, natürlich gefundenes Fressen für den Stammtisch und DAS Dorfthema für mindestens zwei Wochen. Irgendwas spannenderes passiert auch nicht. Die Situation wird zum Tratsch-Thema Nummer eins im Frauenverein und Kirchenchor und mit jeder Überlieferung wird sie noch etwas brutaler ausgeschmückt. Die Sensationslust macht auch vor einem 2000-Seelen Dorf nicht halt.

Besonders am Anfang war es für mich sehr schwierig wieder in dieses Dorf zurück zu kehren. Ich hatte oft das Gefühl, dass mir komische Blicke zugeworfen werden und hinter meinem Rücken über mich geredet wird. Aber wirklich nachfragen tut niemand. Dann müsste man ja die Realität erfahren und würde aus der so schön aufgebauten Illusion des messerstechenden Psychopathen rausgerissen werden.

Ich empfinde nicht mehr die gleiche Verbundenheit mit meinem Heimatort, als ich das noch vor einem Jahr tat, gebe mich nicht mehr mit den selben Leuten ab.

Ich bin zum Schluss gekommen, dass ein solcher Aufenthalt nichts schlimmes ist und vor allem auch ein Teil meiner Geschichte ist. Deshalb möchte ich hier offen darüber berichten. Ich beantworte lieber eure Fragen, als dass ihr euch eine Halbwahrheit aufbaut.

Natürlich, die Psychiatrie ist kein schöner Ort, man begegnet schlimmen Schicksalen oder Personen, die die Hilfe dringend nötig haben. Aber zu einer Zeit, wo immer mehr psychische Krankheiten in der Gesellschaft auftreten, finde ich, müsste sich niemand dafür schämen Hilfe zu beanspruchen oder der gesellschaftliche Status gar ein Hinderungsgrund dafür ist.

Ganz unbestritten ist, dass ein solcher Aufenthalt mit vielen Veränderungen im Leben einhergehen kann. Positiven aber auch negativen. Du wirst neue Seiten von dir kennenlernen. Positive aber auch negative. Es werden sich Leute von dir abwenden und es werden neue dazu kommen.

 

 

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Kommentare: 3
  • #1

    pitsch (Samstag, 23 September 2017 15:32)

    Ich denke der trend zur nahezu perfekten Welt die jeder um sich schaffen will, auf dem wir so rumbeissen, egal obs "hangs mol" ist oder die verbissene arbeit um voranzukommen ist der Grund warum immer mehr menschen angst vor dem versagen und sich untauglich odet einfach unbrauchbsr sind. Nasenbohren furzen oder Fingernägel kauen wird misdachtet und verstossen. Ich habr sufgehört mit dem... Meine Ansicht...

  • #2

    Verantwortungsvoll fürs Dorf (Mittwoch, 27 September 2017 22:57)

    Hallo
    Wie eingebildet bist du, dass du ernsthaft meinst, dein Leben sei das gesprächsthema für den Frauenverein oder Kirchenchor? Es gibt Leute in unserm Dorf die ein eigenes Leben haben,ohne gleich alle anderen zu verurteilen.

  • #3

    Unicorn (Donnerstag, 01 März 2018 15:00)

    Ich finde es toll, dass du dieses Thema ansprichst und finde es zeigt von grosser Stärke sich selbst einliefern zu lassen. Ich hoffe du fühlst dich bald wider besser und kannst deine Träume verwirklichen. Es gibt leider immer noch viel zu viele Menschen die es als Schwäche ansehen wenn man Hilfe in Anspruch nimmt. Ich denke wenn mehr Menschen sich dazu entscheiden könnten sich Hilfe zu suchen könnten viele Leben gerettet werden.

    Ich glaube es wird leider noch eine weile dauern, bis wir erkennen, dass Leistung und beruflicher Erfolg nicht das zentrale in unserem Leben ist.

    @Verantwortungsvoll fürs Dorf
    Ich glaube wir wissen alle, dass alles was nur ein wenig "exklusiver" ist als das alltägliche Dorfleben für Gesprächsstoff sorgt. Ich finde auch nicht, dass das so schlimm ist. Solange man nur darüber redet und nicht irgendwelche Halbwahrheiten erzählt oder darüber lästert.