Auf der anderen Seite der Türe

Leute in meinem Alter gehen reisen oder kaufen sich ein Auto. Ich werde in eine psychiatrische Anstalt gebracht, aus der ich über drei Monate nicht rauskomme. Es sind spannende aber zum Teil auch qualvolle Erlebnisse, die ich um den ganzen Aufenthalt gemacht habe.

 

Um zum Anfang alles klar zu stellen und alle Gerüchte aus dem weg zu räumen, werde ich hier erklären, wie es zu meiner (fragwürdigen) Einweisung kam. Es war der 28. Juni und ich wurde von meinem Vater früh am Morgen geweckt, weil ich irgendetwas vergessen hatte zu mache, was genau weiss ich nicht mehr.

Doch die Misere begann schon einen Tag früher. Ich ging an diesem Tag nicht arbeiten, da mich wieder Zukunfts- und Existenzängste plagten, ich fühlte mich wertlos und sah keine Perspektive mehr in meinem Leben. Das Seil mit dem Henkersknoten hatte ich bereits bereitgelegt.

Die Stimmung war von Anfang an gereizt. Man muss zudem wissen, das ich zu meinem Vater ein zwiespältiges Verhältnis halte. Er unterstützt mich in allem, was ich mache und steht stets hinter mir, trotzdem gibt es viele Reibungspunnkte. Als mich mein Vater früh morgens weckte, brachte dies das Fass zum überlaufen. Ich konnte mich nicht mehr beherrschen und wollte von dieser Welt gehen. Mein einziger Ausweg war für mich, mir eine Kugel in den Kopf zu schiessen, der Grund dafür, war, dass ich dann keinen Todeskampf hatte. Alle anderen Möglichkeiten wie Erhängen, Pulsadern aufschlitzen oder irgendwo runterspringen kamen für mich nicht in Frage.

Aufgrund meiner Gedanken und dem Fakt, dass ich aus dem Schlaf gerissen wurde und noch im Halbschlaf war, ballte sich in mir eine solche Wut auf, dass ich zu einem mindestens ein Dutzend Zentimeter langen Messer griff und meinen Vater bedrohte, um mir den Schlüssel für den Waffenschrank auszuhändigen, damit ich mir mit einer Schrotflinte in den Kopf schiessen konnte. Zudem misshandelte ich ihn psychisch und physisch.

Natürlich übergab mir mein Vater den Schlüssel nicht, wofür ich heute unendlich dankbar bin, sondern rief die Polizei, was jede Person mit gesundem Menschenverstand in dieser Situation getan hätte.

Das Wissen, dass bald die Polizei erscheinen wird, beruhigte mich komischerweise und ich konnte mich abregen. Als die Einsatzkräfte bei unserem Haus ankamen, stürmten sie gleich mit ihrem Hund in unser Haus und legten mich in Handschellen, dies obwohl ich ruhig in der Küche sass. Ohne mich zu Wort kommen zu lassen legten sie mich in ihr Schliesszeug und begannen mit meinen Eltern zu sprechen.

Die Patrouille bestand aus einer Frau und einem Mann. Während ich gefesselt in der Küche sass und mich langsam beruhigte, diskutierte der Polizist in unserer Stube mit meinen Eltern. Es vergingen über zwei Stunden, in denen ich in der Küche sass und (komischerweise, aber es war wirklich so) interessante Gespräche mit der Polizistin hielt, die mir durchaus sympathisch war. In der Zwischenzeit kam noch der Rettungsdienst hinzu, wieso, weiss ich auch nicht. Ich hatte keinerlei Substanzen intus.

Schlussendlich verbrachte ich vier Stunden in Handschellen, eineinhalb davon in einem Ambulanzfahrzeug, dass mich in die Klinik brachte.

Nun zum Punkt, warum ich zu Beginn dieses Textes die Einlieferung als fragwürdig bezeichnete. Ich wurde per FU (fürsorgerische Unterbringung) in die Klinik gebracht. Für nicht-pychiatrie-Erfahrene: Das bedeutet, dass ein Arzt sagt, dass man in eine Klinik gehen MUSS. Ohne wenn und aber. Die Grundsätze dafür sind aber, dass mich der Doktor, der diesen FU ausstellte mich persönlich anhören muss. Dies war in meinem Fall jedoch nicht so, den ersten Arzt sah ich in der Klinik in Münsingen. Dort wurde der FU als nichtig erklärt, ich entschied mich trotzdem für eine längere Behandlung.

 

Seit ich hier im Kanton Bern stationiert bin, wird mir oft gesagt: "Du kommst aber nicht von hier." Wenn ich dann frage, woran man das merkt, ist die Antwort stets dieselbe. "Das hört man am Dialekt." "Nein, ich komme aus Luzern", antworte ich dann und habe auch schon die Antwort auf die nächste Frage bereit. "Warum bist dann hier und nicht in Luzern?" "Weil ich selbst in der Psychiatrie arbeite". Stille. Mit dieser Antwort rechnen die wenigsten oder besser gesagt gar niemand.

Es ist eine interessante Erfahrung auf der anderen Seite der Türe zu sein.

Erst nachdem ich eingeliefert wurde, wurde mir bewusst, was für ein Machtinstrument ein Schlüssel ist. Hast du einen, hast du zu allem Zugang: Akten, die niemand sehen sollte, Betäubungsmittel, die niemand nehmen sollte, Räume, die eigentlich nicht betreten werden sollten. Hast du aber keinen an deinem Schlüsselbund, bist du aufgeschmissen, bist angewiesen bei jedem Verlassen und Zurückkehren die Pflegemitarbeiter darum zu bitten, dir die Tür zu öffnen. Du musst dir dein Essen einschliessen lassen, weil es sonst von irgendjemanden weggegessen wird.

Die Erfahrungen mit Menschen die ich hier mache, werden mir in meinem weiteren Berufsalltag und Leben bestimmt auch hilfreich sein.

Ich denke, ich habe mehr Verständnis für den ganzen Ablauf, für Medikamentenabgaben und Wartezeiten als andere Patienten. Trotzdem kenne ich das Gefühl jetzt, wenn ein Gespräch, das für einen selbst wichtig ist, den ganzen Tag herausgezögert wird. Ich kenne auch das Gefühl, wenn man den ganzen Tag sediert vor sich hin vegetiert und man richtig merkt, wie der Verstand nicht mehr derselbe ist.

Wie das immer ist, wenn man über längere Zeit aufeinander sitzt, wächst man zu einer Gruppe zusammen, nicht anders ist das in einer Psychiatrie. Man lernt jeden Menschen kennen, und das spannende daran ist, dass man sie wirklich kennen lernt. Denn hier zeigen die Menschen ihre guten wie auch ihre schlechten Seiten. Man lernt neue Leute kennen, solche die man mag, und solche bei denen man froh ist, wenn sie wieder weg sind.

 

 

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