Samstag, 1 April

Ein schrilles Surren reist Liam aus den Träumen, sein Kopf dröhnt. Er hat gestern getrunken, zu viel Wein, zu viele Sorgen. Die Lichtstrahlen fallen durch die Schalosien und blenden ihn, was das Ganze nicht viel erträglicher macht. Er zieht die Decke über den Kopf. Wer zum Teufel klingelt an einem Samstag um sieben Uhr bei ihm?

Die schrille Türklingel erklingt ein zweites Mal. Er ignoriert es. Was er aber nicht ignorieren kann ist der pochende Schmerz in seinem Stirnlappen.

Ein drittes Klingeln. Ein gedämpftes „Herr Iten, wir sind hier, um ihre Möbel zu packen“, ertönt von der Eingangstüre her.

Verdammt, schiesst es ihm durch den Kopf, das ist heute. Hastig rafft er sich auf, stolpert, leere Weinflaschen klirren, und schwankt zur Türe. Mit einem „kommen sie rein“, begrüsst er die Möbelpacker. Doch das war bereits zu viel. Liam merkt, wie sich sein Magen dreht, er rennt zur Toilette und übergibt sich. Die Schüssel füllt sich mit einer grüngelblichen Flüssigkeit, die ätzend riecht. Anstatt Trockenheit verspürt er jetzt einen säuerlichen Geschmack in seinem Rachen.

Die Möbelpacker stehen immer noch im Türrahmen. Der Eine gross, der Andere Dick. Sie schauen ihn verdutzt an. „Entschuldigen sie, ich habe wohl etwas Falsches gegessen.“, „Macht nichts, das kennen wir doch alle.“, entgegnet ihm der eine Möbelpacker mit einem Zwinkern. Er stellt sich als Alois vor. „Und ich bin Jonas“, sagt der Grosse, wobei er ihm auch gleich die Hand ausstreckt. Liams Hände sind verschwitzt. Widerwillig schüttelt er sie.

„Kommt rein!“, Liam schlurft durch die 3-Zimmer Wohnung, die Möbelpacker folgen ihm im Entenmarsch, „Alles was mit gelbem Klebeband gekennzeichnet ist, können sie einladen. Ich nehme währenddessen eine Dusche.“

Das Wasser wäscht den alkoholvermischten Angstschweiss von Liams Körper. Seine ausgetrocknete Haut lockert sich auf, er trinkt von der Duschbrause, sein Rachen verändert sich von einer Wüste zu einer Oase. In sich versunken lässt er das kühle Nass über seinen schlaksigen Körper laufen.

„Möchtet ihr etwas trinken?“, fragt er, während er in die Küche geht. „Nein danke, vielleicht später“ entgegnet ihm der Dicke durch seinen Schnurrbart. Seinen Namen hat Liam schon wieder vergessen.

Er dreht sich eine Zigarette mit Red Apple Tabak. Der Wasserkocher klickt, er füllt die Tasse und geht auf den Balkon, auf dem gerade genug Platz für einen Gartentisch und einen Stuhl ist. Beide Hände die Tasse umgreifen nimmt er einen tiefen Zug vom Dampf des frisch gebrauten Kaffee. Er zieht ein Streichholz über den Phosphorstreifen, eine Stichflamme hellt auf und bevor die Flamme wieder erlischt nimmt er einen noch tieferen Zug an seiner Zigarette. Vom sechsten Stock aus lässt er seinen Blick über die Umgebung schweifen. Er sieht den Parkplatz wo seine Mutter ihm das Fahrradfahren beigebracht hat und wo er mit 10 Jahren das erste Mal Auto gefahren ist. Natürlich ohne dass es ihm seine Mutter beigebracht hätte. Dahinter befindet sich der Spielplatz wo er etliche Stunden mit seinen Sandkastenfreunden verbrachte und noch viel mehr Schürfwunden nach Hause brachte. Er sieht den Unterstand, wo er sein frisiertes Mofa parkierte, nachdem er von der Schule nach Hause kam. In der Ferne steigen Rauchwolken aus Fabrikkaminen auf, jene Kamine, welche früher seiner Meinung nach für die Wolken am Himmel verantwortlich waren. Es ist ein klassischer Arbeiterviertel. Viel Beton, viele Hochhäuser, wenig Perspektive, Gewalt und Drogen. Trotzdem war es schön, er hatte Freunde, er hatte Träume und vor allem hatte er seine Mutter. Doch das hat sich jetzt alles geändert und es wird auch nie mehr so sein. „Liam“, er wird von der hohen Stimme des Grossen aus seinen Gedanken gerissen, „wir haben diesen Brief unter der Matratze gefunden, willst du ihn noch?“ den Blick immer noch in die Ferne gerichtet antwortet er: „Leg ihn einfach in mein Zimmer. Das ist das, mit den Tierbuchstaben an der Tür “

Nach dem zweiten Kaffee und der vierten Zigarette geht er rein „Wie kann ich euch noch helfen?“ „Die meisten Möbel haben wir bereits alle nach unten gebracht, jetzt müssen wir nur noch die paar Stühle und die Kartons in den Transporter laden.“ Eine Stunde lang schleppen die drei Kartonkisten vom sechsten Stock ins Erdgeschoss ohne viel Worte zu wechseln. Das Hochhaus hat keinen Fahrstuhl, der Dicke pfeift jedes Mal wenn er die Treppe nimmt ein bisschen mehr aus seinen Lungenflügeln.

Mit einem Knall schliesst sich die Ladefläche des Transporters und die Drei nehmen Platz in der Fahrerkabine. „Wir müssen in die Länggasse 22“, sagt Liam, während der Dicke den Motor startet. Eine erdrückende Stille liegt in der Luft, bis sie der Grosse bricht. „Warum machst du das eigentlich?“ „Warum mache ich was?“ „Na das hier. Du hast eine super Wohnung. Warum gibst du das auf?“ „Weil meine Mutter gestorben ist und ich ein neues Leben anfangen will“. Die erdrückende Stille kehrt zurück. Der Dicke zündet sich eine Tabakpfeife an, die Kabine wird in blauen Dunst gehüllt. Daher das Pfeifen.

20 Minuten Fahrt durch urbane Gegenden bis die Frauenstimme aus dem Navi ertönt. „Sie haben ihr Ziel erreicht“. Sie sind in einem Industriegebiet angelangt, düster und grau.

Liam schaut auf seinen Schlüssel „313 sollte es sein“. Eine schier unendliche Reihe von Garagen steht vor ihnen. Langsam tuckern sie zwischen den verfallenen Abstellhallen durch. Wie viele Schicksale sich wohl dahinter verbergen, denkt sich Liam. Und wie viele längst vergessene Schätze.

Liam, der alles andere als muskulös ist braucht Hilfe von dem Dicken um das Tor zu öffnen. Dahinter befindet sich eine Leere, welche nun mit den Möbeln seiner Mutter, Erinnerungen aus seinem Leben, ausgefüllt wird. Eine weitere Stunde tragen sie die Stücke in die Garage. „Was wirst du damit machen?“ fragt der Schnauzbärtige. Er fragt viel. Liam antwortet nur knapp „Verkaufen im Internet“. „Aber hängst du nicht an diesen Sachen? Erinnern sie dich nicht an deine Mutter?“ „Was weisst du über die Beziehung zwischen mir und meiner Mutter?“ entgegnet ihm Liam missmutig. Er ist wütend. Was gehen diese zwei Nichtsnutze sein Leben an? Liam drückt ihnen das Geld in die Hand „Ihr könnt jetzt gehen, ich finde alleine nach Hause“. Er schliesst das Tor, was erstaunlich einfach geht und schliesst ab. Das war’s, denkt er sich. Mama ist jetzt dort drin.

Liam setzt sich auf den Stromkasten am Ende der Strasse und raucht eine Zigarette. Er spürt wie Anspannung in ihm aufsteigt. Sein innerer Dämon, wie er ihn nennt, meldet sich zurück. Er muss ihn unterdrücken. Auf seinem Handy sucht er den nächsten Supermarkt. 5 Gehminuten entfernt, das sollte zu schaffen sein.

Ein Flasche Whiskey wechselt den Besitzer.

Gegenüber dem Supermarkt liegt eine Apotheke. Heute müssen die Sterne besonders gut stehen. Liam geht ohne nach links oder rechts zu schauen über die Strasse, ein Autohupe ertönt. Sie lässt ihn kalt.

„Eine hunderter Packung Xanax 0.5 mg bitte.“ „Haben Sie ein Rezept?“, Liam legt den Zettel und seine Krankenkassenkarte wortlos auf den Tresen.

Mit gesenktem Blick geht er die wenigen Stufen aus der Apotheke runter. Er bemerkt, dass es zu regnen begonnen hat. Die Kapuze seines Flecktarnparkas tief in sein Gesicht gezogen, läuft er der die Strasse entlang Sein Blickfeld ist eingeschränkt und die Geräusche sind Gedämpft. Der Blister knackst und mit zittrigen Händen führt er die Tablette zum Mund. Mit einem Schluck des Billiggesöffs wird sie runtergespült.

Sein Handy zeigt ihm 1 Stunde und 20 Minuten Heimweg an. Sollte reichen für 75cl.

Liam läuft schnell, das war schon immer so. Die meisten seiner Mitmenschen regen sich darüber auf, für ihn ist Laufen nur eine Zeitverschwendung.  Aber heute ist alles anders. Er schlendert. Er mustert den Asphalt, beobachtet wie sich der Boden durch die Regentropfen immer dunkler verfärbt. Der Wind fegt ihm seine Kapuzenbändel ins Gesicht. Den Blick hebt er nur, wenn er den Kopf in den Nacken legt um einen Schluck 40-prozentigen zu trinken. Das Nass dringt durch seine Schuhe und er bekommt kalte Füsse. Wie passend, er hat wirklich kalte Füsse, sprichwörtlich.

Er schlendert den Gehsteig entlang aber seine Gedanken Kreisen. Wie soll es jetzt weitergehen? Wieso trifft es immer mich? Was hat mein Leben für einen Sinn? Wie soll ich mein Geld verdienen?

Normalerweise lassen Tabletten und Hochprozentiges sein Gedankenkarussell anhalten und er kann aussteigen. Doch als er bei sich zu Hause ankommt, ist die Flasche leer, die zweite Tablette geschluckt und das Karussell immer noch in voller Fahrt.

Er braucht mehrere Versuche bis er den Schlüssel in das Schloss stecken kann, seine Augenlider sind schwer und er schleppt sich mit letzter Kraft die sechs Stockwerke zu seiner Wohnung hoch, seine Kleider sind schwer und kleben an ihm. Die Wohnungstüre ist nicht abgeschlossen, also erübrigt sich der Kampf Schlüssel gegen Schloss. Er schlurft durch die leere Wohnung. Es macht ihm Angst all das, was vorher mal war nicht mehr zu sehen. Eine weitere Tablette muss her. Er öffnet den Schnapsschrank, doch dieser ist leer. Für einmal wird es auch Wasser machen, denkt er sich.

Alles ist Leer in der Wohnung. Schränke, Regale, Schubladen und auch Liam.

Er geht in sein Zimmer, wo ein paar wenige Kartonschachteln, einen Fernsehen und eine Matratze lagern. Er legt sich auf die Matratze, so wie er es immer macht, Mit dem Kopf lehnt er an der Wand an, so, dass er auf seinen TV sieht. Er nimmt etwas Red Apple Tabak und gibt ihn in eine Schale. Dazu vermengt er Gras, mischt das Ganze und dreht es in einen Joint. Die einstrahlende Abendsonne lässt den Rauch kunstvoll erscheinen. Er legt „the dark side oft the moon“ von Pink Floyd in seinen Plattenspieler und döst dazu ein.    


Sonntag, 2. April

 

Regen prasselt an die Scheibe. So stark, dass Liam davon aufwacht. Ein Blitz erhellt sein Zimmer und der folgende Donner lassen seinen Puls in die Höhe steigen. Er hasst Gewitter. Diese Unberechenbarkeit, dieses Gefühl, dass man nirgends zu 100 Prozent sicher ist, hasst er.

Er greift zum Aschenbecher und nimmt den Joint vom letzten Abend, von dem er vielleicht drei Züge nahm, in die Finger, zündet ihn an und legt sich auf den Rücken. Bald füllt der Rauch den ganzen Raum, aber er kann sich noch nicht aufraffen um das Fenster zu öffnen. Obwohl er genau weiss, dass heute noch viel mehr als Fensteröffnen auf dem Programm steht. Er muss aus der Wohnung raus, zwei Stockwerke tiefer, in eine kleine Einzimmerwohnung. Und dann kommt noch sein bester Freund, er wird ihm ein neues Tattoo stechen. Danach wahrscheinlich noch ein bisschen Drogenexzess.

Die Lippen brennen, der Joint ist bis zum Filter geraucht, die Augen rot und die Lider angeschwollen. Er muss etwas gegen die Tortelliniaugen machen, also dreht er sich wieder zur Seite, greift nach dem türkisfarbenen Schuhkarton, seine Magicbox. Ein bisschen von dem weissen Pulver auf den Spiegel gegeben, mit der Kreditkarte zwei Lines gemacht und durch ein Banknotenröhrchen in die Nase gejagt. Die Pupillen verengen sich, der Puls steigt, Liam ist ready.

Noch immer schüttet es wie aus allen Eimern und es knallt wie 1943 in der Normandie. Doch das kann Liam jetzt nichts anhaben. Kiste für Kiste trägt er sie zwei Stockwerke tiefer in Wohnung 4.20. Seine Matratze wirft er kurzerhand das Treppenhaus hinunter. Sie landet im Erdgeschoss, doch Liam trägt sie ohne Mühe in den vierten Stock hoch. Er fühlt sich unbesiegbar, nichts kann ihm etwas anhaben.

Es ist 10.00 Uhr, die Schlüssel der alten Wohnung wurden dem Hausmeister in den Briefkasten gelegt. Liam ist gerade dabei, seine Musikanlage welche aus Plattenspieler, Stereoanlage und zwei grossen Boxen besteht zu installieren, als im auffällt, dass die Wirkung des Kokains nachlässt. Er braucht wieder etwas. Er will nicht zurück in die normale Welt. Zwei Xanax-Tabletten werden mit einem Bier runtergespült. Mit einem Joint zwischen den Lippen verbindet er die letzten Komponenten seiner Anlage, und legt anschliessend seine Lieblingsplatte auf. „Enter the Wu Tang“ von Wu Tang Clan.

Die Bässe wummern, er nickt zum Beat, kann jeden Text mitrappen.

 

Cash rules everything around me

C.R.E.A.M., get the money,

Dollar dollar bill, y’all

Cash rules everything around me

C.R.E.A.M., get the money,

Dollar dollar bill, y’all

 

Die Sonne drängt sich zwischen den schwarzen Wolken durch, es bildet sich ein Regenbogen. Liam öffnet das einzige Fenster seiner Wohnung, der herrliche Duft von heissem Asphalt, wenn er nass ist, dringt in seine Nase. Er setzt sich auf die Fensterbank und raucht genüsslich seinen Joint. Der Lärm der Grossstadt und das Hupen des Verkehrs dringen zu ihm herauf, das Ganze unterlegt von Wu Tang.

An einem Bier nippend schlendert er gelangweilt durch die 20 Quadratmeter Wohnung. Er stellt sich vor, wie er sie einrichten wird. Viel hat er nicht. Die Matratze ist bereits unter dem Fenster platziert, davon rechts gesehen die Musikanlage, welche auch bereits steht. Darüber sein Pulp Fiction Poster. Vis-a-vis einen Schrank, daneben stapeln sich Bücher, zwei Türme, so hoch wie sein Tisch, welcher in der Mitte des Raumes steht. Zwischen Bücherturm und Schrank stehen zwei Dutzend Schallplatten. Liam ist fasziniert von Vinyl, dieses Geräusch, wenn die Nadel auflegt, sich durch die Rillen der Platte zieht.

Noch immer stehen drei bis zum Rand gefüllte Kartonschachteln im Raum. Und da wäre dann auch noch seinen Rucksack, denn er oft benutzt hatte, wenn er mit seiner Mutter wandern war. Mehrtätige Touren haben sie absolviert, in SAC-Hütten übernachtet, die Natur genossen.

Er inspiziert die Kartonschachteln. Sein Gedächtnis ist durch die Drogen bereits so geschwächt, dass er keine Ahnung mehr hat, was er wo eingelagert hat. Hat dieser dicke Möbelpacker nicht noch etwas von einem Brief gesagt?  Er öffnet eine Schachtel –Kleider. Er öffnet eine zweite, darin befindet sich Papierkram und ganz zu oberst ein Brief eines komischen Formats, als hätte man ein A4-Blatt gedrittelt. Abgestempelt in den USA, die Briefmarke zeigt den Kopf eines Weissadlers Das muss er sein. Voller Neugier nimmt er den Brief heraus und beginnt zu lesen.

Vacaville, 31. August 2015

 

Dear Elizabeth

 

 

 

Today it’s now been exactly 20 years since we’ve met. And there has not one day passed that I wasn’t thinking about you. The days we shared were the best time in my life. I remember your hair in the wind, your skin under the sun and your smile inside my heart. Those moments when we drove through the country with the campervan were so amazing.

I still don’t understand why you just left without letting me know. The only thing you left was a pregnancy test, which was positive. Am I the Father of a kid, who I don’t know? Please let me know the answer.

My life, beside this question, has been very good since then. I work as manager of a supermarket and look back at a very successful career. I have a beautiful wife and two awesome kids. But then there are those moments when I think back and imagine what life with you would be like. Those thoughts hurt me a lot.

I hope you are happy with your life and especially healthy.

It was very hard work to find your address and I hope you’re not angry because I contacted you. I would be happy to hear from you.

 

 

 

Yours

 

LIAM

Liam Miller

Oak Creek Drive

95687 Vacaville

Solano County

California USA


 

Liam muss sich hinsetzen. Er kann sich nicht mehr auf den Beinen halten. Sein Puls steigt, der Blick engt sich ein, seine Augen werden wässrig, er sieht verschwommen, die Hände zittern. Er atmet schnell und nur oberflächlich, als ob er gerade aus dem Meer aufgetaucht sei. Seine Gedanken kreisen. Nicht wie in einem Karussell, sondern wie in einem Hurrikan. Seinem inneren Kartenhaus wurde die unterste Karte herausgezogen und bricht jetzt zusammen. Der erste Dominostein wurde umgekippt und jetzt nimmt das ganze seinen Lauf. Wer ist dieser Liam? Warum schreibt er seiner Mutter Briefe? Warum aus den USA? Könnte das sein Vater sein?

Tausende Gedanken schiessen ihm durch den Kopf. Er kriecht über den Holzboden zu seiner Jacke, sucht eifrig nach seinen Tabletten und drückt drei davon aus dem Blister und öffnet eine Dose Bier. Tabletten in den Mund und Dose runter auf ex. Eine zweite wird geöffnet. Er setzt an, doch muss in der Hälfte aufhören. Er braucht Luft, er muss klar denken. Er spürt Wut in sich aufkommen. Eine unerklärliche Wut, die er nicht unterdrücken kann. Er steht auf, seine Muskeln werden von Energieblitzen durchströmt. Er läuft auf und ab im Zimmer, seine Hände ballen sich zu Fäusten, sein ganzer Körper ist angespannt., verkrampft. Selbstkontrolle ist unmöglich. Er schmeisst die Bierdose an die Wand, kickt mit dem Fuss in eine Kartonschachtel. Er schreit, seine Fäuste traktieren die Holzwand solang bis sie Blutflecken aufweisen. Er muss raus. Er hängt sich seinen Schlüsselbund um und läuft aus der Wohnung ins Treppenhaus. Er nimmt drei Tritte auf einmal, seine Hände ziehen eine blutige Spur am Treppengeländer nach sich.

Barfuss läuft er auf die Strasse hinaus über den Parkplatz und sprintet die Steigung des Nachbarquartiers hinauf. Es regnet in Strömen, bedrohlich nahe Blitze lassen den von dunklen Wolken verhängten Himmel aufhellen, der Donner dröhnt wie Kanonenschüsse. Liam ist durchnässt, sein Tshirt klebt an ihm, der Wind lässt den Regen und seine schwarzen Haare in sein Gesicht peitschen. Doch er spürt nichts. Er spürt sich nicht mehr. Er ist leer und trotzdem voller Energie.

 

            Run, Liam, Run

 

Er sprintet bis er die Spitze des Hügels mit der alten Eiche erreicht hat, von wo man einen Überblick über die ganze Stadt hat. Er lehnt sich an den Baum, er muss erbrechen. Das Schlechte soll gehen. Er würgt die Galle aus sich raus, bis sie ihm auch aus der Nase läuft. Mit seinem weissen Shirt putzt er sich den Rotz aus dem Gesicht.

20 Meter neben der Eiche steht ein imposantes Kreuz. Er spuckt es an. „Fick dich Gott. Was soll die Scheisse? Warum immer ich?“, schreit er. Aus dem Augenwinkel sieht er eine Frau mit einem Kind, die ihn erschrocken ansieht. Sie nimmt das Kind an der Hand und läuft eilig weg.

Mit dem Geschmack von Magensäure im Mund macht sich Liam auf den Rückweg. Essensreste haben sich in seiner Nasenhöhle festgesetzt. Er schaut auf die Lichter der Stadt. Was für Schicksale sich wohl hinter diesen Fenstern abspielen? Wie viele Familien unter den Lichtern glücklich zusammensitzen? Und wie viele davon nicht glücklich sind?

Als er auf den Block zu läuft, in dem er wohnt, mustert er ihn, wie er es noch nie gemacht hat. Früher war es einfach ein Block, sein Zuhause, dort wo seine Mama ist. Doch aus dem jetzigen Blickwinkel erscheint er im hässlich. Die rostrote Farbe ist ausgebleicht, hier und da haben sich Pilze an der Fassade festgesetzt, über den meisten Fenstern hat es schwarze Ablagerungen der rauchenden Bewohner. Bei der Eingangstüre kommt ihm der Hausmeister entgegen. „Was ist denn mit dir los? Wie siehst du aus?“ Liam geht ohne etwas zu sagen weiter.

Nach Luft schnaubend kommt Liam in seiner Wohnung an und reist sogleich seine Kleider vom Leib. Das Blut ist mittlerweile über seinen tätowierten Fingerknöcheln eingetrocknet, die Beine schmerzen. Er stellt sich unter die Dusche. Du aufgeschürften Knöchel und Fersen brennen, doch die Wärme hilft ihm seine Gedanken zu ordnen.

Liam steigt aus der Dusche, mit den verbundenen Händen hält er den Umschlag in der Hand. Dabei entdeckt er im Innern ein altes Polaroid Foto. Es zeigt eine Frau und einen Mann, die lachend vor einem gelben VW-Bus stehen. Die Frau erkennt er sofort. Es ist seine Mutter. Sie trägt ein Bikini-Oberteil, Hotpants und einen Strohhut. Sie war so hübsch, denkt er sich. Der Mann ist gross, hat einen dünnen Körperbau, lange schwarze Haare und auffällige Wangenknochen. Beide Lachen und formen mit ihren Zeige- und Mittelfingern ein Peacezeichen. Der Mann auf dem Foto hat unverwechselbare Ähnlichkeiten mit Liam. Die Wangenknochen, Haarfarbe, die Statur.

Auf dem weissen Rand steht 09-01-1995. Diese Amerikaner und ihre Datumabfolge.

Die Puzzleteile fügen sich langsam zusammen. Wenn es stimmt, was dieser Liam im Brief geschrieben hat, dass sie sich am 31. August 1995 zum ersten Mal trafen dann müsste sein Geburtstag ca. 9 Monate später sein. Er rechnet kurz. Kopfrechnen war noch nie seine Stärke aber er kommt auf Anfang Juni. Sein Geburtdatum ist der 10 Juni 1996. Das kommt hin.

Immer noch nackt setzt er sich vor seinen Laptop und sucht im Internet nach Liam Miller Vacaville. Mehr als 10'000 Treffer spuckt die Suchmaschine aus.

Es klingelt an der Tür. Liam blickt auf seine goldene Casio. Oh shit. „Ich komme!“ ruft er und klappt den Laptop zu, schlüpft hastig mit dem einen Bein in seine Jogginghose, mit dem anderen bleibt er mit dem grossen Zeh in der Hosentasche stecken. Ein zweites Klingeln. „Ja ich komme, ich komme!“, schreit er, zur Tür humpelnd. Die Chemie wirkt, es bereitet ihm Mühe zu gehen.

Er reisst die Tür auf. „Ali“ „Liam“ sie geben sich eine Umarmung. Ali fast Liam an den Schultern, schaut ihm tief in die Augen. „Wie geht es dir?“ „Ganz okay! Aber komm erst mal rein“ „So siehst du aber nicht aus!“. Liam schätzt die Ehrlichkeit seines besten Freundes. Ali hält eine Pizzaschachtel in der Hand, Bierflaschen klimpern in seinem Rucksack. „Wollen wir wieder mal aufs Dach klettern, wie in den alten Zeiten?“ „Aber so was von! Ich muss mich nur noch kurz Anziehen und noch ein bisschen von dem guten Stuff mitnehmen.“ Liam zieht sich seinen Thrasher-Pullover über, und öffnet die Magicbox. Gras wandert in den Rucksack, noch ein paar Xanax-Tabletten. Die Kühlschranktüre lässt sich nur mit Mühe öffne, ein schimmliger Geruch kommt ihm entgegen. Das Licht beginnt mit Verzögerung zu flackern. Er greift nach einer Flasche Weisswein, einer PET-Flasche Sprite und zwei Flaschen Hustensirup. Ansonsten befinden sich nur ein Sixpack Bier und eine Tube Senf im Kühlschrank.

Währenddessen hat Ali die zwei Wolldecken aus einem Karton genommen, die sie schon immer brauchen, wenn sie eine von ihnen sogenannten rooftop nights machen. Sie haben Aztekenmuster, davon ist jedoch nicht mehr viel zu erkennen. Viel mehr machen Brandlöcher und Schmutz das Muster der Decken aus. Trotzdem hangen sie an ihnen. Liam schnappt sich noch zwei Styropor Becher und sie machen sich auf den Weg.

Ali ist Liams Sandkastenfreund, sie kennen sich so lange wie sie denken. Und obwohl sie aus ganz anderen Kulturkreisen kommen, Ali ist Türke, und obwohl sie zum Teil ganz andere Weltanschauungen haben, verstanden sie sich seit dem ersten Tag gut. Sie besuchten zusammen den Kindergarten und die Primarschule. Als sie in die Oberstufe kamen, musste Ali wegziehen. Sein Vater wurde arbeitslos. Doch der Kontakt blieb aufrecht. Sie trafen sich samstags zum Fussball spielen, betranken sich das erste Mal gemeinsam und gingen zusammen in den Partyurlaub.

Die Treppen machen Liam zu schaffen, seine Lungen pfeifen, 7 Jahre Tabakgenuss hinterlassen Spuren „Oh shit, ich habe die Blättchen vergessen“ „Hab ich dabei“, entgegnet ihm Ali.

Anscheinend hat der Hausmeister nie die Schlösser ausgewechselt, denn der Generalschlüssel, den sie vor Jahren einmal geklaut hatten, passt noch immer.

Sie treten heraus. Der Wind weht leicht, die mit Moos bedeckten Steine knirschen unter den Sneakers. Die Szenerie ist Atemberauben. In der Ferne riesige Wolken, die aufquellen und immer wieder von Blitzen durchzogen werde. Es dauert lange bis man ein leises Donnergrollen hört. Die Sonne sinkt langsam und färbt den Himmel lila. Die Geräusche des Großstadtverkehrs dringen nur noch knapp zu ihnen hinauf, umso mehr dafür die Lichter der Laternen und Hochhäuser.

Ali breitet die Decken aus und setzt sich hin. „Jetzt mal ehrlich, wie geht es dir?“. Liam kramt in seinem Rucksack, nimmt das Gras heraus, „kannst du mir ein Blättchen geben und einen Filter drehen?“. Ali nimmt die Papes aus seiner Bauchtasche und drückt sie Liam bestimmt in die Hand. „Verdammt nochmal Lee, wie geht es dir?“ Ali weiss genau, das Liam es hasst, wenn man ihm Lee sagt. „Verschissen“, Liams Augen füllen sich mit Tränen, seine Nase beginnt zu triefen. Jetzt bloss nicht weinen, denkt er sich.  Er zieht das Nasenwasser mit einem hässlichen Geräusch hoch. „Hast du mir den Filter?“. Schweigend sitzen sie auf dem Dach, Liam auf den Joint fixiert, Ali in die Ferne schauend. Ali kann gut zu hören, er kann aber auch gut schweigen. Das ist nicht eine peinliche Stille, sondern ein freundschaftliches Jetzt-braucht-es-keine-Worte.

Das Klicken des Feuerzeuges durchbricht die Stille. Liam nimmt einen tiefen Zug und ohne auszuatmen noch einen zweiten, tieferen Zug. „Ich spüre nichts mehr, in mir drin ist einfach nur noch Leere“, mit jedem Wort das er sagt, steigt Rauch aus seinem Mund, „entweder Leere oder Wut. Wut und Hass. Auf die Menschheit, auf die Welt, auf mich. Warum muss sowas immer mir passieren? Warum kann ich nicht einmal Glück in meinem Leben haben?“ Liam streckt den Joint zu Ali rüber, seine Finger sind gelb verfärbt vom Nikotin. „Magst du mehr darüber erzählen? Von vorne?“ „Du solltest Psychologe werden Ali!“, lacht Liam. Er spürt die Wirkung des Marihuanas, er wird lockerer, fühlt sich wie in Watte eingewickelt. Die schlechten Gedanken sind jetzt nicht mehr so nah. Ali lässt eine Rauchwolke aus seinem Mund gleiten und zieht sie sogleich wieder rein. „Erzähl mir mehr, wenn du magst.“ Die beiden sind nun vom Dunst der grünen Fee umgeben, die Augen blutunterlaufen. „Dafür brauche ich aber noch ein bisschen Auflockerungsmaterial.“ Liam mischt Sprite mit Hustensirup in die beiden Becher, nimmt zwei Xanax-Tabletten und gibt von beidem je eines davon Ali. Purpledrink in der Einen, Chemie in der anderen Hand, schauen sie sich in die Augen. „Bis zum Tod und noch weiter“. Die Pille wird mit dem Gesöff runtergespült. Liam nimmt drei grosse Schlucke des Mischgetränks. Seine Miene ist eine Mischung aus Ernsthaftigkeit und Versifftheit.

„Es ist jetzt ziemlich genau zwei Monate her. Ich kam nach einer Party nach Hause, war total am Ende. Müde, ausgelaugt, wie man halt nach einer Party ist. Ich wollte gleich unter die Dusche und danach schlafen. Als ich zum Badezimmer gehe, sehe ich wie Wasser unter der Türe rausläuft.“, er nimmt zwei grosse Schlucke seines Getränks, und zieht am Joint, so stark, dass er husten muss. „Ich habe sofort gewusst, dass etwas nicht stimmt, also habe ich die Türe geöffnet und dann sah ich sie da. Sie lag in der Badewanne, das Wasser rot gefärbt, der eine Arm ragte über den Wannenrand hinaus. Er war von unten bis oben zerschnitten, das Blut tropfte nur noch ganz langsam an ihren Fingern entlang auf das Wasser am Boden.“ Liam atmet tief, „ich war wie gelähmt, wusste nicht was machen. Ich drehte als erstes den Wasserhahn zu, dann rief ich den Notarzt. Ich wollte ihr helfen, ihr die Wunden abbinden, doch ich konnte nicht. Ich musste aus dem Zimmer raus.“ Er nimmt den letzten Schluck seines Hustensirups. „Hast du mir ein Bier?“ Ali hörte ihm aufmerksam zu, er nimmt ein Bier aus seinem Rucksack und öffnet den Drehverschluss mit den Händen. „Weisst du was das schlimmste ist?“ Ali schaut Liam fragend an, „sie hat nicht einmal einen Abschiedsbrief hinterlassen, ich weiss nicht warum sie das getan hat, ich kenne die Gründe nicht. Ich bin die ganze Zeit am nachdenken, ob ich ihr hätte helfen können, ob ich es hätte verhindern können.“ Liam steht auf „Ich will nicht mehr darüber erzählen“. Er ist gross, bestimmt 1.92m um genau zu sein. Ali, im Schneidersitz ein Pizzastück am verschlingen, schaut zu ihm rauf „was willst du dann machen?“. Mit grossen Schlucken stürzt er sein Bier in sich rein und wirft es vom Hochhaus hinunter. Nicht mal zwei Sekunden vergehen, da hört man Glas klirren und das nervende Geräusch einer Autoalarmanlage ertönt. „Saufen, mal wieder richtig auf den Putz hauen.“. Die zwei grinsen sich an. „Na dann los, auf Ex!“ Ali gibt Liam ein weiteres Bier und sie trinken es innerhalb von Sekunden, ohne abzusetzen, aus. Liam nimmt die Weissweinflasche und öffnet sie. Währendem sie Schluck für Schluck ab der Flasche trinken, reden sie über Gott und die Welt.

Eine gute Stunde später steht Ali auf, erst jetzt merkt er, wie beduselt er schon ist. Bei Liam scheinen die ganzen Drogen und der Alkohol noch nicht zu wirken. Ob er sich schon so viel gewohnt ist, fragt sich Ali. Er macht heute sowieso einen komischen Eindruck, er zeigt nicht das Verhalten, dass er von ihm erwartet hätte, nach allem was passiert ist. Er verspürt in Liam eine Aufbruchsstimmung, fast schon eine gewisse Lockerheit. Klar, er sagt, dass es ihm beschissen geht, verhält sich aber irgendwie nicht dementsprechend. Ali kann aber nicht benennen woher dieses Gefühl kommt. „Lass uns noch weitergehen!“, die beiden steigen das Treppenhaus runter, und verlassen das Hochhaus. Sie gehen ins Shooters, ihre Stammbar. Sie trinken Cocktails, spielen Billard und Dart, lachen viel, für Ali kommt das alles gespielt rüber. Sie bleiben bis kurz vor Sonnenaufgang in der Bar. Die fünfte Jägerbomb bringt jedoch ein jähes Ende des feuchtfröhlichen Vergnügens. Ali übergibt sich über den Tresen, sie werden kurzerhand rausgeschmissen. Mit einem „Wir kommen nie wieder hierher“ verabschieden sie sich.

Unter dem Licht einer Strassenlaterne verabschiedeten sie sich mit ihrem persönlichen Handschlag. Ali wollte Liam noch eine Umarmung geben, doch dieser sagte nur „du riechst nach Kotze!“, drehte sich um und lief dem Sonnenaufgang entgegen. Da wussten sie noch nicht, dass das das letzte Treffen für eine lange Zeit war.    

Fortsezung folgt